Was ist und zu welchem Zweck studiert man …

Kommentierte Bibliographie der Erziehungswissenschaften

Die folgende Broschüre enthält kurze Texte von Personen, die darin auf ihre je eigene Art und Weise an die Reflektion auf gesellschaftliche Bedingungen erinnern, die Universitätswissen und dessen Aneignung besitzen sollte. Zur Sprache kommen Themen, die alle zentral im Studium der Erziehungswissenschaften vertreten sind. Dazu gibt es zu jedem Themenfeld eine einführende Literaturliste der Autorin / des Autors. Die Herausgeber dieser Broschüre verstehen diese Beiträge als eine Möglichkeit des Widerspruchs und der kritischen Aneignung von Wissensinhalten, quer oder parallel zum eigenen Studium.

AK-Broschüre-2015

Advertisements
Veröffentlicht unter Allgemein | Kommentar hinterlassen

28.04. – Die Rolle der Sprache für die Konstitution von Subjektivität. Überlegungen im Anschluss an Adorno

Vortrag/ Diskussion mit Philip Hogh
Wann: 28.04. 2015
Beginn: 19 Uhr
Wo: Franckesche Stiftungen, Haus 31, SR 110


Begriffe und Sprache sind maßgeblich, wenn auch nicht allein dafür verantwortlich, dass menschliche Wesen sich erkennend und verstehend auf die Welt und aufeinander beziehen können. Zugleich sind Begriffe und Sprache nichts, was unabhängig von den Subjekten, die sie gebrauchen, und von der Welt, in der sie gebraucht werden, bestünde. Weil sie Momente dieser Welt sind, schlägt sich das, was in dieser Welt geschieht, sowohl in ihrem Gehalt als auch in der Form ihres Gebrauchs nieder. Sind sie so aber voll und ganz durch die jeweilige historisch-soziale Form der Gesellschaft, in der sie gebraucht werden, bestimmt, so wäre der einzige Zugang zur Welt, den Begriffe und Sprache menschlichen Subjekten ermöglichen, derjenige, den diese Gesellschaft zulässt. Wenn das so wäre, wäre Kritik an dieser Gesellschaft und ihrer Ideologie unmöglich. Unter Bezug auf Adorno und die Psychoanalyse wird der Vortrag darum zuerst die vitale Funktion, die der Sprache in der Genese von Subjektivität zukommt, bestimmen, um dann Sprache als eine zweite Natur verständlich zu machen, die sich gleichwohl von der zu einer zweiten Natur erstarrten spätkapitalistischen Gesellschaft in einem entscheidenden Punkt unterscheidet.

Veröffentlicht unter Allgemein | Kommentar hinterlassen

02.06. – Pädagogik für Arier: Die ideologischen Grundlagen der Waldorfpädagogik

Vortrag/ Diskussion mit Peter Bierl
Wann: 02.06. 2015
Beginn: 19 Uhr
Wo: Franckesche Stiftungen, Haus 31, SR 110


Hautcreme für Babypopos von Weleda, biologisch-dynamische Karotten der Marke Demeter, Rudolf-Steiner-Brot im Naturkostladen und die Waldorfschule kennen viele, nicht aber die Weltanschauung, die dahinter steckt. Der Journalist Peter Bierl, Autor des Buches „Wurzelrassen, Erzengel und Volksgeister“ (Neuausgabe 2005), beschäftigt sich in seinem Vortrag mit der Anthroposophie und ihrem Gründer Rudolf Steiner. Der Mann, der sich als Hellseher präsentierte, von Anhängern als „Menschheitsführer“ und Wiedergeburt von Aristoteles verehrt wurde, war überzeugt, dass nur die „weiße Rasse“ am Geiste schafft, während Asiaten dekadent, Schwarze überhitzte Triebwesen und Juden einseitig intellektuell seien und zersetzend wirkten. Die Deutschen rechnete der Guru einer fünften Wurzelrasse der Arier zu, die Jahrtausende führend sein soll. In Steiners Welt spuken Engel und Dämonen, Volks- und Rassengeister, er mixte Versatzstücke aus Buddhismus, Hinduismus und Christentum mit darwinistischen Evolutionsvorstellungen und bürgerlichem Kulturpessimismus. Getreu ihrem Meister erklären Anthroposophen heute Tsunami und Reaktorkatastrophe in Fukushima als karmischen Ausgleich für einen angeblich besonderen Materialismus der Japaner. Solche bizarren Vorstellungen prägen die Waldorfschule, ihre ideologische Grundlage ist die Idee von Reinkarnation und Karma. Lehrer werden nach den Ideen Steiners ausgebildet. In einem Buch, das zur Unterrichtsvorbereitung empfohlen wurde, heißt es: „Der Keim zum Genie ist der arischen Rasse bereits in ihre atlantische Wiege gelegt worden.“

Veröffentlicht unter Allgemein | Kommentar hinterlassen

22.01.2015 – Soziale Dienstleistungspolitik: die Ökonomisierung sozialer Arbeit als politisches Projekt

Vortrag/ Diskussion mit Norbert Wohlfahrt
Wann: 22.01. 2015
Beginn: 19 Uhr
Wo: Franckesche Stiftungen


Gegenwärtig erlebt der Sozialsektor einen neuen Schub der Marktöffnung: privates Investment soll staatliche Finanzierung ergänzen/ersetzen und neue wirkungsorientiete Vorgehensweisen produzieren. Im Vortrag soll der Prozess der Marktöffnung sozialer Arbeit analysiert werden. Norbert Wohlfahrt vertritt die These, dass sich dies einer politisch verantworteten und durchgesetzten Dienstleistungspolitik verdankt. Im Vortrag und auch in der Diskussion sollen die Folgen für die soziale Arbeit zur Sprache kommen.

Norbert Wohlfahrt ist Professor für Sozialmanagement, Verwaltung und Organisation am Fachbereich Sozialarbeit der Evangelischen Fachhochschule Bochum.

Veröffentlicht unter Allgemein | Kommentar hinterlassen

01.12.2014 – Infantile Sexualität – Über einen Brennpunkt Freudscher Sexualtheorie im sexualhistorischen Kontext und heute“

Vortrag/ Diskussion mit Julia König
Wann: 01.12. 2014
Beginn: 19 Uhr
Wo: Franckesche Stiftungen, Haus 31, SR 110

„Auf dem Höhepunkt der frühbürgerlichen sexuellen Revolution setzte Freud die infantile Sexualität als Kernelement der conditio humana. Damit formulierte er nicht zuletzt eine Theorie des historisch neuen Verständnisses der Natur des Menschen um 1900. Hatte die Vergesellschaftung der Produktion im 19. Jahrhundert ganz materiell neue Existenzmöglichkeiten eröffnet, versprach ein „persönliches Leben“ das Glück nun auch außerhalb familiärer Grenzen. Die Psychoanalyse spiegelte solche Glücksversprechen und unterhielt darüber eine intime Verbindung zum utopischen Denken.Im Vortrag wird die Konzeptionalisierung der infantilen Sexualität im disharmonischen Arrangement der Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie diskutiert, welche wiederum im gesellschaftshistorischen Klima im fin de siècle zu rekonstruieren sind. Davon ausgehend wird nach der Bedeutung der Erkenntnis infantiler Sexualität für die Analyse aktueller sozialer Konstellationen gefragt. Nicht zuletzt gerät so die Reichweite des Konzepts für die Analyse von typischen Konflikten in pädagogischen Settings wie auch der aktuellen Diskussion sexueller Gewalt gegen Kinder in den Blick.

Julia König, Dr. des., Studium der Erziehungswissenschaften in Frankfurt am Main, Promotion zu „Kindheit – Sexualität – kindliche Sexualität. Eine historisch-systematische Untersuchung des Verhältnisses dreier erziehungswissenschaftlicher Begriffe“. Visiting Scholar am Department for Historical Studies der New School for Social Research 2010/11, Mitarbeiterin am Institut für Sozialpädagogik und Erwachsenenbildung der Goethe Universität Frankfurt am Main. Arbeitsschwerpunkte: Kritische Sexualforschung, Psychoanalyse, qualitative Forschungsmethoden und Erkenntnistheorie.

Veröffentlicht unter Allgemein | Kommentar hinterlassen

28.10. 2014 – Ich inkludiere, du inkludierst, er/sie/es inkludiert

19 Uhr, Franckesche Stiftungen

Guido Sprügel über die Omnipräsenz eines Begriffs.

 

An der schulischen Inklusion kommt keiner vorbei. Von der UN-Konvention gefordert, wird sie von allen propagiert, von vielen herbeigesehnt und oft als Allheilmittel dargestellt. Behinderte und nichtbehinderte Schüler lernen gemeinsam, Sondereinrichtungen gehören der Vergangenheit an. So die (schöne) Vision. Wer es wagt, daran Kritik zu äußern, wird als ‚Konservativer‘ und ‚Ewiggestriger‘ tituliert. Doch mit dogmatischen Beschwörungen eines Begriffes allein ist es nicht getan. Und da es sich um eine wirklich wünschenswerte gesellschaftliche Umwälzung handelt, sind Dissens und Diskussion unabdingbar. Denn unabhängig von allen gutgemeinten Postulaten schicken sich die konkret verantwortlichen Politiker an, die Sparvorgaben ihrer jeweiligen Ministerien in die Praxis umzusetzen. Inklusion wird da schnell auf dem Rücken aller Beteiligten ausgetragen: Schülern, Mitschülern, Lehrern und Erziehern. In ihrer Not richten die ersten Schulen bereits Sonderklassen ein, die die Segregation durch die Hintertür wieder einführt. Die Gymnasien sind bei dem ganzen Unterfangen als heilige Kühe selbstredend außen vor, denn sie müssen weder inkludieren, noch sich um den ‚Plebs‘ kümmern. Und eines wird bei den rosaroten Träumen oft gänzlich außer acht gelassen – nach einer schönen gemeinsamen Schulzeit sortiert der Kapitalismus des 21. Jahrhunderts ganz selbstverständlich aus.

Veröffentlicht unter Allgemein | Kommentar hinterlassen